„Fremde“ – mehr als nur ein studentisches Filmprojekt

Jeden Tag werden in Deutschland etwa 600 Menschen dazu gezwungen, das Land zu verlassen. „Fremde“ beschäftigt sich mit diesem Thema.

Das Thema:

Edita, ein junges Mädchen aus dem Kosovo erzählt:

„Wir wurden zur Rückkehr gezwungen. Sie hätten verstehen müssen, dass wir nicht zurückgehen wollten. Sie kamen nachts um 1 oder 2 Uhr und klopften an die Tür. Das war die ständige Angst, die ich immer im Schlaf hatte! … Sie fragten uns nicht, warum wir nicht zurück wollten, sie zwangen uns einfach dazu.“

(Auszug aus der UNICEF-Studie „Stilles Leid“)

Dieses grausame Szenario ist Alltag in Deutschland. Jeden Tag werden durchschnittlich 600 Menschen abgeschoben. Die Folgen sind, besonders für Kinder, dramatisch. Die Studie hat gezeigt, dass fast die Hälfte der befragten Kinder und Jugendlichen an Depressionen leidet, etwa ein Viertel hat sogar Selbstmordgedanken und rund ein Drittel der Befragten leidet unter posttraumatischen Belastungsstörungen. (Siehe UNICEF-Studie „Stilles Leid“ )

Das Filmprojekt „Fremde“ setzt genau an diesem Punkt an und setzt sich filmisch mit diesem Thema auseinander.

Die Story:

Die Schwestern Alima und Farah führen ein ganz normales Teenagerleben in Deutschland. Sie sind komplett integriert und gehen jeden Tag zur Schule. Sie haben Freunde in Deutschland, ein Zuhause. Doch sie haben auch Angst. Angst davor eines Nachts einfach abgeholt und in ein für sie mittlerweile völlig fremdes Land gebracht zu werden. Und dann ist sie plötzlich da, diese eine schicksalhafte Nacht.

Warum genau dieses Thema?

Grundstein der Idee war die oben zitierte UNICEF-Studie „Stilles Leid“. Die Studenten lasen diese Studie und waren schockiert von den vielen Schicksalen, die täglich einer so beträchtlich großen Anzahl an Menschen widerfahren, erzählt Jonathan Behr, der Regisseur des Films. Daraufhin habe sie das Thema nicht mehr losgelassen, sie wollten von diesen Schicksalen berichten, denen doch sonst kaum Aufmerksamkeit zuteil wird. Als Studenten einer Medienhochschule lag es nun nahe, sich diesem Thema mit Hilfe eines packenden Films zu nähern und auf diesen Missstand aufmerksam zu machen.

Jonathan Behr hatte bereits die Möglichkeit das Projekt in der BigFM Night Lounge vorzustellen.

Das Team:

Das Team besteht aus 25 Studenten verschiedener Studiengänge der Hochschule der Medien (HdM) in Stuttgart. Diese jungen Menschen haben es sich zur Aufgabe gemacht das Projekt „Fremde“ mit Leben zu füllen. Im Folgenden sollen exemplarisch einige Köpfe vorgestellt werden.

FREMDE_Gruppenfoto

Jonathan Behr – Regisseur

Bereits während der Schulzeit arbeitete Jonathan als Filmvorführer, um möglichst oft im Kino zu sein. Nach seinem Abitur reiste er für ein Jahr zum Fotografieren durch Neuseeland und begann danach ein Studium der Audiovisuellen Medien in Stuttgart. Im ersten Semester realisierte er als Regisseur den Kurzfilm „Black Mail“, der auf Festivals in Berlin und New York gezeigt wurde. Über drei Semester leitete er das Studentenfernsehen stufe.tv und drehte parallel weitere Kurzfilme als Regisseur und Production Designer. Sein Praxissemester konnte er bei Jim Jarmuschs Kinoproduktion „Only lovers left alive“ absolvieren. Mit einer Arbeit über Antiheldenfiguren als Protagonisten schloss er sein Bachelorstudium ab.

Mittlerweile studiert Jonathan im Masterprogramm und debütierte mit dem Stück „Feuersee Stunde Null“ am Theaterhaus Stuttgart als Theaterregisseur. In seinen Arbeiten setzt er sich oft kritisch mit sozialen Themen auseinander und versucht gleichzeitig, im Bereich des Genrefilms abseits des klassischen Sozialdramas zu arbeiten.

Mara Köhler – Produktionsleitung

Nach ihrem Abitur im Jahr 2012 entschloss sich Mara ein sechsmonatiges Praktikum bei der Filmproduktionsfirma Filmotion Productions in Sydney, Australien zu absolvieren. Danach begann sie ihr Studium an der Hochschule der Medien in Stuttgart in der Fachrichtung Audiovisuelle Medien. Dabei spezialisierte sie sich vor allem auf den Bereich Film und übernahm im Wintersemester 2014/15 die Produktionsleitung beim Studentenprojekt „Fenster“.

In ihrem Praxissemester arbeitete sie als Produktionsassistentin bei der United Visions GmbH in Berlin, wo ihre Schwerpunkte vor allem in der Organisation von Werbe- und Imagefilmproduktionen sowie der produktionellen Unterstützung beim Dreh und der Nachbereitung lagen.

Julian Haisch – Produktionsleitung

Nachdem er 2013 sein Abitur in Stuttgart machte, verschlug es auch Julian zuerst nach Australien und Neuseeland. Nach einigen kurzen Einblicken in lokale Film- und Fernsehproduktionsfirmen entschloss er sich 2014 das Studium der audiovisuellen Medien zu beginnen.

Nach vielen kleineren persönlichen Projekten, die er schon während der Schulzeit realisierte, ist „Fremde“ nun sein erstes großes Projekt. Er freut sich darauf, viele weitere Erfahrungen zu sammeln und das Team als Produktionsleiter und Aufnahmeleiter durch alle Phasen der Produktion hindurch zu unterstützen.

Daniel Schulze-Ardey – Director of Photography

Der heute 22- jährige Osnabrücker entschloss sich nach seinen ersten Erfahrungen in der Kameraassistenz und im Entwicklungsbereich bei der Highspeed-Kamerafirma Weisscam in München für ein Studium der Audiovisuellen Medien in Stuttgart. Seit nun knapp 2 Jahren selbständig, realisiert er gewerbliche Image- und Werbefilme parallel zum Studium. Sein Praxissemester verbrachte Daniel bei der Werbefilmproduktion Peoplegrapher in Düsseldorf.

Speziell bei diesem Projekt reizt ihn die filmische und erzählerische Gestaltung im szenischen Bewegtbild, welche oft in den Werbeproduktionen nicht so verwirklicht werden kann.

Tim Peter – Szenenbild

Tim schloss 2009 sein Abitur mit dem Profilfach „Gestaltungs- und Medientechnik“ in Ravensburg ab. Nach einem einjährigen Praktikum an der Filmakademie Baden- Württemberg im Bereich digitale Postproduktion begann er Audiovisuelle Medien an der Hochschule der Medien in Stuttgart zu studieren. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Bachelorstudiengangs studiert er nun im Elektronische-Medien-Master an der HdM. Neben dem Studium ist er bei zahlreichen Filmproduktionen als Szenenbildner, Szenenbild-Assistent, Innenrequisiteur oder im Bereich Baubühne tätig und hat so bereits bei einschlägigen Produktionen wie „5-minutes“ (Maximialian Niemann), „Perspektiven“ (Johannes Kitzler) oder „Parabellum“ (Jonathan Behr) mitgewirkt.

Selbstverständlich sind noch sehr viel mehr Menschen an der Organisation und der Umsetzung dieses Filmprojekts beteiligt.

FREMDE_Beim_Planen

Alles eine Frage des Geldes…

Doch natürlich kostet dieses Projekt auch einiges an Geld. Da wären zunächst einmal die Kosten für die Equipmentleihe und die Versicherung desselbigen, außerdem das Szenenbild und die Transportkosten und und und. Um genügend Geld zusammenzubekommen entschlossen sich die Studenten, eine Crowdfunding-Kampagne zu starten. Diese bedeutete eine Menge Arbeit und damit auch einen enormen Zeitaufwand. Doch alle Mühen wurden belohnt, nach knapp vier Wochen, konnten sie ihr Finanzierungsziel erreichen und die Kampagne somit erfolgreich abschließen. Außerdem konnte das Team einen Hauptsponsor für sein Projekt begeistern, die Phoenix Media GmbH aus Stuttgart.

Risiken und Herausforderungen

Viele studentische Filmproduktionen enden so jäh wie das Semester. Niemand hat nach all den Anstrengungen und Strapazen während der Produktionszeit mehr Lust seine nun wertvolle freie Zeit in die Auswertung des Projekts zu stecken. Genau das soll bei den Stuttgarter Studenten nicht passieren: „Wir wollen verhindern, dass „Fremde“ in den Tiefen der internen Hochschulmediathek versackt. Denn wir wollen mehr! Durch die Teilnahme an Kurzfilmfestivals wollen wir die Message unseres Films in die Welt hinaustragen. Oder zumindest nach Deutschland…“, sagt Mara Köhler, die Produktionsleiterin.

Der größte Gegner sei dabei die Zeit, so Köhler weiter. Ein Semester lang hat das Team Zeit, dadurch entsteht ein straffes Timing für die Pre-, sowie die Postproduction. Außerdem gibt es einen strikt festgelegten Drehzeitraum. Jedem Department wird also über den gesamten Zeitraum einiges abverlangt. Das kann dann schon mal bedeuten, das geplante Wochenende spontan anstatt zum Serien Schauen für die Locationsuche, die Auflösung oder den Schnitt des Crowdfunding-Videos zu opfern. Und am Ende steht die Media Night am 28. Januar 2016, eine Veranstaltung der Hochschule der Medien, bei der der Film seine Premiere feiern wird.

Bis dahin ist noch einiges zu tun. Nur gut, dass die Studenten ein unschlagbares Team haben, das dazu bereit ist sämtliche freie Minuten in den Erfolg seines Kurzfilmprojekts zu investieren, damit „Fremde“ den Sprung vom einfachen Studentenprojekt hin zum viel diskutierten Kurzfilm schafft.

 

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